Die Filiale wird Pfarrei 1860-1901
Inzwischen war die Katholikenzahl auf 517 angewachsen, der Hof Bruchhausen hatte 35. Sandhausen brauchte einen eigenen Pfarrer. Um dies zu verdeutlichen schreibt der Stiftungsvorstand im Jahr 1860 an das Ordinariat: »Es geschieht vieles, das dem 3/4 Stunden entfernten Seelsorger entgehen muß, der nur zweimal in der Woche den Ort besuchen kann, . . der größte Theil der jungen kath. Bevölkerung sucht wegen seiner Armut Verdienst in der Fabrik«. Dadurch würde der Glaube untergraben und die Sitte gefährdet (FR 24848).
Voraussetzung für eine selbständige Pfarrgemeinde war ein Pfarrhaus und die Sicherstellung der Bezahlung eines Pfarrers. Durch die hochherzige Stiftung des Geistlichen Rates und Dekans Mühling aus Handschuhsheim (Testament von 1859) war der Grundstock dafür da, ein Pfarrhaus zu bauen und einen Geistlichen zu bezahlen. Die politische Gemeinde überließ ebenfalls 1859 den notwendigen Grund und Boden unentgeltlich. So konnte schon 1861 auf dem Gelände des ehemaligen Friedhofs ein einstöckiges Pfarrhaus fertiggestellt werden.
Am 2. Oktober 1862 kam mit Karl Wirnser der erste Pfarrverweser nach Sandhausen. Gerade noch vor dem Ausbruch des Kirchenkampfes in Baden waren alle rechtlichen Voraussetzungen geschaffen und die Errichtungsurkunde vom 18. Februar 1864 schriftlich niedergelegt. » Wir erklären die Pfarrkirche Sandhausen andurch für errichtet und wollen und bestimmen hiemit, daß die Katholiken in Sandhausen und Bruchhausen in diese neu errichtete Pfarrei eingepfarrt seien. Die Kirche in Sandhausen soll demnach alle einer Pfarrkirche zustehenden Rechte, so einen decenten Tabernakel, einen eigenen Taufstein, die heiligen Oele und alles Andere haben und besitzen, was zur Spendung der heil. Sacramente und Heilswahrheiten nöthig ist und in derselben aufbewahrt wird... Wir entsprechen zugleich Unserer Pflicht die Pfarrkirche zum heiligen Bartholomaeus in Sandhausen mit einem tauglichen Pfarrer zu versehen. « (230/312)
Der volle Allmendgenuß in Sandhausen, den vorher die kath. Pfarrei Leimen für die seelsorgliche Betreuung bekam, wurde auf die Pfarrei Sandhausen übertragen. Das entsprach einem ungefähren 308 Jahresbeitrag von 50 fl. Ein richtiger Aufbau der seelsorglichen Arbeit war dennoch nicht möglich, wie die Tatsache zeigt, daß die Gemeinde in den ersten 14 Jahren von 11 Pfarrverwesern betreut wurde. Anders wurde es erst unter Dr. Wilhelm Korn. Er war vorher Kaplan in Rom und promovierte dort zum Doktor der Rechte. 1876 kam er als Pfarrverweser und wurde 1882 als erster Pfarrer investiert. Ins gleiche Jahr fällt die Aufstockung des Pfarrhauses. Auch der älteste noch bestehende Verein, der kath. Kirchenchor, wurde unter Pfarrer Korn gegründet (1881).
Weil die Katholikenzahl immer mehr anstieg, inzwischen waren es über 800, versuchte er eine Vergrößerung der Kirche zu erreichen. Das kleine Kirchlein hatte nämlich nur etwa 190 Sitzplätze. Das hatte zur Folge, daß kein Schulkind einen Platz in den Bänken hatte. Sie mußten sich wahrscheinlich im Chorraum zusammendrängen. Die Jugendlichen waren auf der Emporenstiege oder auf der Empore, während viele Erwachsene in den Gängen oder gar auf der Straße den Gottesdienst mitfeierten. Im Winter bedeutete das, daß die Leute zum Teil umkehren mußten, denn man konnte nicht wie im Sommer die Türe offen lassen. Auch der bauliche Zustand der alten Kirche war nicht mehr der beste: der Altar wurde naß und an dem Stützblech über der Orgel hingen Wassertropfen.
Eine gegenüberliegende Fabrik war 1885 gerade käuflich zu erwerben und man hatte die Idee, sie als Kirche zu benutzen. Das Erzbischöfliche Bauamt - damals in Mosbach untergebracht - überprüfte die Lage vor Ort. Dabei erwies sich die Fabrik vom Mauerwerk her als nicht geeignet für die Nutzung als Kirche; eine Erweiterung der alten Kirche dagegen wurde als gute Möglichkeit aufgezeigt. Das Ordinariat bestätigte anschließend die Notwendigkeit einer Erweiterung, doch es fehlten die Mittel. Aber Pfarrer Korn ließ nicht locker: »Wie sehr die Sache der Gemeinde selbst am Herzen liegt, sieht man daraus, daß durch die wöchentlich stattfindenden Sammlungen in den Fabriken über 2000 M zusammen gebracht wurden.« (FR 10 757) 10 bis 30 Pfennig ließen sich die Katholiken in den Zigarrenfabriken wöchentlich von ihrem geringen Lohn abziehen.
Auch der nachfolgende Pfarrverweser Hasenfuß drängte weiter; zusammen mit dem Stiftungsrat schrieb er 1893 nach Freiburg: »Durch die schon seit 10 Jahren hinausgeschobene Restauration der Kirche sind Wände, Bänke, Dach und Glockenstuhl in einem Zustand, der den Spott der Andersgläubigen hervorruft. « Gleichzeitig bittet er um einen in Bausachen erfahrenen Nachfolger für sich (FR 10757). Unter seinem Nachfolger Ignaz Blöder, 1894-99 Pfarrer in Sandhausen, ist es endlich soweit. 1896 ist die Grundsteinlegung für den Erweiterungsbau. Da man wegen der hohen Tuberkulosesterblichkeit annahm, die Katholikenzahl werde eher ab- als zunehmen, ging man der Möglichkeit eines Neubaus auf der gegenüberliegenden Seite nicht mehr weiter nach. Vielmehr wurde an das bestehende Kirchlein, das jetzt das Langhaus bildet, Querhaus, Chor und Turm angebaut. Der frühere Hochaltar in neuromanischem Stil wurde durch einen Altar im Barockstil ersetzt, die zwei alten Glocken abgegeben und vier neue angeschafft, die Orgel wurde repariert.
Im Juni 1897 ist - noch vor der feierlichen Einweihung an Peter und Paul - der erste Notgottesdienst in der erweiterten Kirche. Der neue Kirchturm bestimmte jetzt zusammen mit dem der evangelischen Christuskirche die Silhouette von Sandhausen. In die Zeit von Pfarrer Blöder fällt auch der Bau eines Schwesternhauses (1895). Niederbronner Schwester ziehen ein und sind für Krankenpflege, Kindergarten und Nähschule verantwortlich. Von 1899 bis 1901 ist Pfarrverweser Johann Beck in Sandhausen.

